Düsseldorf Justiz Lau-Prozess Mönchengladbach

Show-Auftritt beim Lau-Prozess

Düsseldorf/Mönchengladbach. Beim Prozess gegen Sven Lau war am Dienstag der IS-Aussteiger Anil O. als Zeuge geladen. Lau soll ihn mit einer 16-Jährigen verheiratet haben. Davon abgesehen aber kannte Anil O. den Salafisten-Prediger offenbar nur aus Darstellungen Dritter.

Mutlu Günal (r.) und Sven Lau (Bild: NRW.direkt)

Seit letzter Woche wird vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht (OLG) gegen Anil O. verhandelt. Nach eigener Darstellung hat sich der 23-Jährige 2016 in Syrien von der Terror-Organisation Islamischer Staat (IS) abgesetzt, weil er von deren Brutalität schockiert war. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland im September 2016 wurde er verhaftet. Dank seiner hohen Bereitschaft, gegen seine ehemaligen Glaubensbrüder auszusagen, ist Anil O. inzwischen aus der Untersuchungshaft entlassen, lebt in einem Zeugenschutzprogramm an einem geheimen Ort und gilt als gefährdet.

Am Dienstag war Anil O. im Prozess gegen Sven Lau als Zeuge geladen. Gegen den 36-jährigen Lau wird seit September 2016 vor dem Fünften Strafsenat des OLG verhandelt. Vorgeworfen wird dem ehemaligen Mönchengladbacher Salafisten-Chef die Unterstützung in Syrien aktiver Terror-Organisationen.

Richter und Anwalt schreien sich an

Anil O.s Erscheinungsbild erinnerte dabei an den Schlagersänger Mickie Krause: Perücke, schwarze Brille, angeklebter Schnauzbart und getöntes Make-up. Drei Personenschützer begleiteten ihn. Sven Laus Anwalt Mutlu Günal beantragte sofort, Anil O. erst zu vernehmen, nachdem sich dieser mit seinem Personalausweis ausgewiesen und „seine Verkleidung abgelegt“ hat – diese würde an Mickie Krause „vor einem Auftritt im Oberbayern auf Mallorca“ erinnern. Der Vorsitzende Richter Frank Schreiber wies das schnell zurück und begründete das mit dessen „besonderer Gefährdungslage“. Außerdem kenne er Anil O. aus dem Prozess gegen ihn. Mutlu Günal aber ließ nicht locker und fragte zurück: „Woran erkennen Sie ihn?“. Als Schreiber Günal ins Wort fiel, eskalierte die Situation; Richter und Anwalt schrien sich an, vor lauter Geschrei war nichts mehr zu verstehen.

Dann aber beruhigte sich die Situation und die Befragung von Anil O. konnte beginnen. Der 23-Jährige behauptete, er kenne Sven Lau von den Ständen der Koran-Verteilungsaktion „Lies!“. Anil O. gab sich alle Mühe, Lau als IS-Sympathisanten darzustellen. Aber schnell zeigte sich, dass er sein Wissen über Lau überwiegend aus den Erzählungen Dritter bezieht, zumeist aus den Darstellungen eines Yunus S. Der soll Scharia-Polizist in Wuppertal und immer in Laus Nähe gewesen sein. Später habe sich Yunus S. mit Anil O. angefreundet und sich ihm „geöffnet“. Selber kann der ominöse Yunus S. jedoch nicht dazu befragt werden, da er sich laut Anil O. in die Türkei abgesetzt habe.

„Eine Freundin von Laus Frau hat das meiner Frau erzählt“

Dreist wurde es, als Anil O. seine Behauptung, Sven Lau würde „jihadistisches Gedankengut pflegen“, damit zu belegen versuchte, dass „eine enge Freundin von Laus Frau“ dies seiner Frau erzählt habe. An den Namen der Freundin konnte er sich aber nicht mehr erinnern. Als der Richter ihn nach rund 70 Minuten direkt fragte, ob es sein kann, dass er sein Wissen zu Sven Lau hauptsächlich aus Erzählungen Dritter bezieht, räumte Anil O. ein: „Ja, das ist so.“

Unmittelbaren Kontakt zu Sven Lau soll es aber Ende 2014 gegeben haben, als sich Anil O. eine 16-jährige Salafistin aus einem österreichischen Kinderheim zur Zweitfrau genommen hat. Da habe Lau die Ehe nach islamischem Ritus geschlossen, erzählte Anil O. Er habe die 16-jährige geheiratet, weil seine Erstfrau gesagt habe, man müsse sich „um das Mädchen kümmern“. Die Zweitehe sei aber schnell gescheitert. Als das Mädchen drohte, zur Polizei zu gehen, habe Sven Lau Angst bekommen. „Er hatte Angst, dass es publik wird, dass er Minderjährige verheiratet“, sagte Anil O. Deswegen habe Lau darauf gedrungen, die Ehe schnell und geräuschlos wieder aufzulösen.

Witzeleien über „humanitären Geschlechtsverkehr“

Für das unterhaltsame Ende einer ansonsten kaum ergiebigen Zeugenvernehmung sorgte Mutlu Günal mit seiner Frage, ob Anil O. mit der 16-Jährigen auch Geschlechtsverkehr hatte. Anil O. wollte die Frage jedoch nicht beantworten. Der Bonner Strafverteidiger aber blieb hartnäckig, woraufhin der Richter Anil O. ein Aussageverweigerungsrecht zusprach. Der aber verteidigte sich weiter: „Ich habe das Mädchen aus einem humanitären Grund geheiratet, nicht aus einem sexuellen.“ Da konnte sich Mutlu Günal Witzeleien über „humanitären Geschlechtsverkehr“ nicht mehr verkneifen, die Zuschauer reagierten mit Lachen.

Anil O. aber darf darauf hoffen, dass seine Bemühungen, ehemalige Glaubensbrüder zu belasten, bei seinem eigenen Urteil entsprechend berücksichtigt werden. Wie das funktioniert, hat der 2015 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilte 26-jährige Libanese Ismail I. bereits eindrucksvoll vorgemacht: Nachdem er Sven Lau im November schwer belastet hatte, wurde er nur wenige Tage später vorzeitig aus der Haft entlassen.

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