Düsseldorf Wirtschaft und Verkehr

„Silicon Wadi statt Silicon Valley“

Düsseldorf. Sind israelische Start-Ups eine Lösung für die Innovationsprobleme des deutschen Mittelstands? Vorträge mehrerer Experten am Dienstag im Wirtschaftsclub boten viele Argumente dafür. Israel sei „ein kleines Land, aber ein technologischer Riese“, erläuterte Roy Naor die Bedeutung der israelischen Hi-Tech-Industrie für die Wirtschaft.

125 geladene Gäste, darunter auch Oded Horowitz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde der Landeshauptstadt, kamen am frühen Dienstagabend in den Düsseldorfer Wirtschaftsclub zu einer Veranstaltung zum Thema „Start-Up Nation Israel – Impulse für den deutschen Mittelstand“. Organisiert wurde der Abend von der Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit und der B’nai B’rith Franz-Rosenzweig-Loge. Bei der B’nai B’rith handelt es sich um die weltweit größte jüdische Organisation, die sich unter anderem der Wohltätigkeit, der Förderung von jüdischer Kultur und der Unterstützung des Staates Israel widmet. Die Franz-Rosenzweig-Loge wurde 1967 als Nachfolgerin der in Düsseldorf bis 1937 existierenden B’nai B’rith Loge gegründet.

Nach der Begrüßung der Gäste durch Rüdiger Goll, dem geschäftsführenden Gesellschafter des Wirtschaftsclubs, Jan-Frederik Kremer, Leiter des NRW-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung sowie Michael Naor, Präsident der B’nai B’rith in Düsseldorf, ging es schnell ins Thema. Im Mittelpunkt standen die Fragen, wie es Israel geschafft hat, zur erfolgreichsten Start-Up-Nation nach den USA zu werden, was die deutsche Politik von der Gründermentalität im Land lernen kann und welche Geschäfts- und Investitionschancen Israel dem deutschen Mittelstand bietet.

Doron Abrahami, Wirtschaftsattaché der israelischen Botschaft in Berlin, umriss die wirtschaftliche Geschichte des Jüdischen Staates und schilderte anhand gegenwärtiger gemeinsamer Projekte deutscher Großunternehmen mit israelischen Hi-Tech-Firmen die Synergieeffekte beider Wirtschaftssysteme. Damit zeigte sich aber auch sofort, welche elementare Rolle die Hi-Tech-Industrie in der heutigen israelischen Wirtschaft spielt.

„Israel ist im Grunde um die Ecke“

Markus Gick, Senior Projektmanager der Bertelsmann Stiftung, griff das auf und brachte die israelischen Start-Ups als Lösung für das „Innovationsdefizit“ des deutschen Mittelstands ins Spiel. „Aber warum Israel?“, fragte Gick, um darauf klare Antworten zu geben: Israel sei nur rund vier Stunden entfernt, „das ist im Grunde um die Ecke“. Das Land habe gut aufgestellte Behörden, das Militär fördere innovative Unternehmen und auch die besondere Zusammenarbeit Israels mit den USA biete Chancen. Auch bei der Vergabe von Risikokapital sei der israelische Markt gut aufgestellt, internationale Großunternehmen seien dort vertreten. Dennoch sei der „Fußabdruck“ des deutschen Mittelstands in Israel noch gering ausgeprägt, weshalb es Überlegungen gebe, das mit einer digitalen Plattform für deutsche und israelische Unternehmen zu ändern, erläuterte Gick. „Silicon Wadi statt Silicon Valley“, lautete sein Fazit.

Auch Roy Naor, ein in Köln für die US-Kanzlei DWF tätiger Jurist und einer der Söhne von Michael Naor, knüpfte an die Hi-Tech-Industrie an und verglich die Standorte Berlin, Silicon Valley und Tel Aviv miteinander. Bei der Qualität der Hi-Tech-Standorte „hinkt Berlin leider noch hinterher“, aber was Vergnügen und Lifestyle betreffe, seien Berlin und Tel Aviv auf dem gleichen Niveau, schilderte Naor. Israel sei ein „kleines Land, aber ein technologischer Riese“.

Die von ihm genannten Zahlen waren beeindruckend: Mit 6.500 Start-Up-Firmen liegt Israel nach absoluten Zahlen weltweit auf Platz zwei, mit einem Start-Up-Unternehmen pro 1.300 Einwohner aber bereits auf Platz eins. In keinem anderen Land der Welt gibt es so viele Patente in Relation zur Einwohnerzahl, auch kommen etwa 300 der weltweit insgesamt rund 500 Start-Up-Firmen zur Cybersicherheit aus Israel. „Sämtliche Intel-Prozessoren wurden in Israel entwickelt, ebenso wie der USB-Stick“, erinnerte Roy Naor.

Israelische Direktheit als Vorteil begreifen

Philipp Raidt, Head of Portfolio der inzwischen auch auf dem israelischen Markt vertretenen Axel Springer Digital Classifieds, gab als letzter Redner praktische Tipps und Hinweise für das richtige Vorgehen auf dem dortigen Markt. Dabei ging er auch auf die unterschiedlichen Mentalitäten von Deutschen und Israelis ein, etwa die für viele Deutsche ungewohnte Direktheit der Israelis. Raidt aber verstand das als Vorteil, da diese Direktheit dem Geschäftspartner ermögliche, schneller zu wissen, woran er sei. Seine pointiert vorgetragenen Schilderungen stießen beim israelkundigen Teil des Publikums sofort auf Zustimmung. „Das Interesse für unternehmerische Themen ist in Israel viel stärker ausgeprägt als bei uns“, lautete Raidts Fazit.

Michael Naor war mit dem Ergebnis der rund zweistündigen Veranstaltung zufrieden: „Die Referenten haben auf beeindruckende Weise gezeigt, wie facettenreich, dynamisch und innovativ die israelische Wirtschaft ist. Auch die unterschiedlichen Aspekte des Ökosystems des Landes sowie der deutsch-israelischen Wirtschaftskooperationen wurden gut aufgezeigt“, sagte der Präsident der Düsseldorfer B’nai B’rith. „Damit liegen für den deutschen Mittelstand ideale Voraussetzungen vor, in den israelischen Markt einzusteigen.“

Bild von links: Doron Abrahami, Philipp Raidt, Jan-Frederik Kremer, Rüdiger Goll, Michael Naor, Roy Naor, Andreas Dümig, stellvertretender Geschäftsführer des Wirtschaftsclubs, und Markus Gick. Bildrechte: NRW.direkt

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