Mönchengladbach Politik

„Sind wir Juden wieder lästig?“

Mönchengladbach. Die Jüdische Gemeinde der Stadt hat einem offenen Brief an die Gemeinschaftsschule Berlin-Friedenau verfasst. „Sind wir Juden wieder lästig und überflüssig in Deutschland? Sollen wir unsere Koffer packen?“, heißt es darin. Kürzlich hatte ein 14-jähriger jüdischer Junge nach Beleidigungen und einer Attacke von muslimischen Mitschülern die Berliner Schule wieder verlassen.

Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach (Bild: NRW.direkt)

Anfang April sorgte der Fall eines 14-jährigen jüdischen Jungen, der eine Schule in Berlin wieder verlassen hat, weil er wegen seiner Religion mehrfach beleidigt und dann angegriffen wurde, für Schlagzeilen. Zeitungen berichteten, dass die meisten Schüler der Gemeinschaftsschule in Berlin-Friedenau aus türkischen und arabischen Familien kommen – so auch die Angreifer, die den 14-Jährigen gepeinigt hatten. Die Friedenauer Schule gehört seit 2016 zum Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.

Auch bei der Jüdischen Gemeinde in Mönchengladbach rief der Fall des Berliner Jungen Ängste und Wut hervor. Wie nah der muslimische Antisemitismus den deutschen Juden inzwischen gekommen ist, hatte die Gemeinde erst vor wenigen Jahren erleben müssen: Im August 2014 gab es auf der Hindenburgstraße, der Haupteinkaufsstraße der Stadt, eine mehrstündige Hass-Demonstration, an der rund 500 Menschen teilgenommen hatten. Bei den Demonstranten handelte es sich überwiegend um Muslime, darunter auch türkisch-rechtsextremistische „Graue Wölfe“. Begründet wurde die Demonstration mit dem Gaza-Krieg, mehrfach wurde betont, die Kundgebungsteilnehmer seien „nicht antisemitisch, nur antizionistisch“. Redebeiträge, in denen israelischen Soldaten vorgeworfen wurde, „das Blut palästinensischer Kinder zu trinken“, hinterließen jedoch einen anderen Eindruck.

Keine Reaktionen auf die Sorgen der Jüdischen Gemeinde

Drei Monate später ging Leah Floh, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, an die Öffentlichkeit und gab der Rheinischen Post ein Interview. Daran sagte sie unter anderem: „Es ist die radikale Islamisierung, der missionarische Eifer, die aggressive Intoleranz, die uns beunruhigt.“ Reaktionen darauf gab es jedoch keine. Während sich der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) im September 2016 mit seiner Aussage, dass „Flüchtlinge, die Antisemitismus und Homophobie mitbringen, hier nicht willkommen sind“, auf die Seite der Jüdischen Gemeinde seiner Stadt stellte, verhallten die Sorgen der Mönchengladbacher Gemeinde bis heute ungehört.

„Wozu das Wegducken und Verstecken hinter ‚politically correct-Floskeln‘?“

In der vergangenen Woche verfasste die Jüdische Gemeinde in Mönchengladbach einen offenen Brief an die Gemeinschaftsschule in Berlin-Friedenau. Eine Kopie des mit 3. April datierten Briefes ging an die Berliner Schulaufsichtsbehörde. An den Zentralrat der Juden in Deutschland sowie an den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein-Westfalen soll der Brief ebenfalls noch weitergeleitet werden. Der vollständige Inhalt des Briefes lautet:

„Sehr geehrter Herr Schulleiter Runkel, sehr geehrtes Kollegium, wir haben in nationalen und internationalen Medien gelesen, dass ein Jude Ihre Schule verlassen musste, weil er von mohammedanischen Schülern wiederholt antisemitisch beleidigt, belästigt, bedroht und zuletzt auch angegriffen wurde und schließlich diese Quälerei nicht mehr ertrug. Das haben Sie nicht frühzeitig bemerkt? War Ihnen nicht bekannt, dass es solche Vorfälle in einer Vielzahl von Schulen gibt? Mussten Sie nicht bei Aufnahme des jüdischen Schülers, den seine Eltern Ihnen als Pädagogen anvertrauten, gewarnt sein und ihn sehr aufmerksam begleiten und schützen? Wie konnten Lehrer zulassen, dass es längst Alltag wurde an deutschen Schulen, nicht nur in der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin, dass vor allem jüdische, aber auch andere als ‚ungläubig‘ definierte Schüler, bedroht, bespuckt, verbal und körperlich angegriffen werden: von Mohammedanern.

Warum werden die Täter nicht so benannt? Wozu das Wegducken und Verstecken hinter ‚politically correct-Floskeln‘? Wir möchten nicht länger Vertuschungsversuche erleben oder unglaubwürdige Rechtfertigungen hören, sondern erwarten die massive und in jedem Einzelfall sofortige Gegenwehr der Lehrer, die aus den historischen Erfahrungen lernen sollten. Sie haben die Pflicht, diesmal jüdische Schüler zu schützen. Und vor allem: Warum wird der moderne Antisemitismus im Kleid des Antizionismus zugelassen? Sind wir Juden wieder lästig und überflüssig in Deutschland? Sollen wir unsere Koffer packen? Sagen Sie es uns bitte frühzeitig und ehrlich. Anders als nach 1933 haben wir heute nämlich eine Fluchtmöglichkeit: unsere ‚Lebensversicherung‘, Israel, die allerdings durch Antizionismus von Rechten, Linken und Mohammedanern gefährdet wird.

Die Weimarer Republik konnte zerstört werden, weil man sich über lange Jahre zu tolerant verhielt gegenüber den Feinden der Demokratie: Nationalsozialisten und Kommunisten. Auch die Bundesrepublik Deutschland leidet unter solchen Gefährdungen, und zusätzlich unter einer dritten, ‚importierten‘, die vor allem wir Juden zu spüren bekommen. Bitte lassen Sie diese Bedrohung an Ihrer Schule nicht mehr zu. Mit freundlichen Grüßen, Vorstand und Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach“

„Diskriminierungskritische Workshops für Schüler/innen“

Bislang hat die Jüdische Gemeinde Mönchengladbach noch keine Antwort auf ihren Brief erhalten, was jedoch auch in der Menge von Post begründet sein könnte, die die Berliner Schule gegenwärtig zu bearbeiten hat. Auf Ihrer Internet-Seite aber gab die Gemeinschaftsschule Berlin-Friedenau eine Stellungnahme ab. In dem Text mit der Überschrift „Wir übernehmen Verantwortung“ ist die Rede davon, „weiter präventiv daran zu arbeiten, unsere Schule zu einem besseren Ort zu machen, an dem Antisemitismus, Rassismus und andere Diskriminierungsformen keinen Raum bekommen“. Bei allen Versammlungen dazu wurde „von uns vermittelt, dass wir den stattgefundenen Antisemitismus und Rassismus anerkennen und entschieden nicht dulden“.

Auch habe die Aufarbeitung des Vorfalls darin bestanden, dass es „für die Schüler/innen möglich war, begleitet durch geschulte Moderator/innen, frei über die Themen zu sprechen, ihre eigenen Gefühle und Erfahrungen auszusprechen und Impulse zu sammeln, welche Ideen sie verfolgen möchten, um das Schulklima im Bereich Antidiskriminierungsarbeit zu verbessern. Die Ergebnisse wurden auf zahlreichen Stellwänden gesichert, werden nach den Ferien ausgewertet und sind Ausgangspunkt für diskriminierungskritische Workshops und Fortbildungen.“

Zum weiteren Vorgehen heißt es wörtlich: „In Zusammenarbeit und Abstimmung mit der Antidiskriminierungsbeauftragten, aber unter anderem auch mit dem Projekt ‚Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage‘ und unter Einbeziehung von Vorschlägen aus jüdischen Verbänden und Organisationen, werden wir unsere bisherigen präventiven Bausteine auf ihre Effektivität prüfen, ergänzen und weiterentwickeln.“ Zu Herkunft und Religion der Täter aber findet sich in der Stellungnahme der Schule kein einziges Wort.

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