Düsseldorf Panorama

„Überall scheint man als Jude momentan anzuecken“

Düsseldorf. Rund 50 Menschen kamen am Montag in den Gerresheimer Wald, um eine von Ulrich Wensel (CDU) initiierte Erinnerungstafel zu einem jüdisch-orthodoxen Friedhof feierlich zu enthüllen. Gegenwärtige Bedrohungen für Juden wurden in den Reden dazu nicht ausgeblendet. „Es vergeht beinah kein Tag, ohne dass ein antisemitischer Vorfall gemeldet wird“, sagte Oded Horowitz, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein. „Überall scheint man als Jude momentan anzuecken.“

Von links: Thomas Geisel, Karsten Kunert und Oded Horowitz bei der Enthüllung der Erinnerungstafel (Bilder: NRW.direkt)

Rund 50 Menschen, darunter auch mehrere Vertreter der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf sowie der Jungen Union (JU), Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte sowie Polizeipräsident Norbert Wesseler kamen am frühen Montagnachmittag in den Wald neben dem Friedhof in Düsseldorf-Gerresheim, um eine Erinnerungstafel zu dem dort befindlichen jüdisch-orthodoxen Friedhof feierlich zu enthüllen.

Mit dieser Tafel wollen die Bezirksvertretung 7 und der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein an die Geschichte des Friedhofs erinnern. Initiiert wurde die Erinnerungstafel von Ulrich Wensel, Mitglied der Bezirksvertretung 7 und JU-Kreisvorsitzender. Wensels Initiative führte schnell zu einem fraktionsübergreifenden Antrag. Der Text auf der Tafel wurde von der Mahn- und Gedenkstätte verfasst.

Der Friedhof diente von 1925 bis 1938 als Begräbnisplatz der „Altisraelitischen Religionsgemeinschaft Adass Jisroel“, einer orthodoxen Gruppe, deren Mitglieder aus der liberalen Düsseldorfer Synagogen-Gemeinde ausgetreten waren und nach eigenem Ritus lebten und beteten. Die Hauptsynagoge an der Kasernenstraße war ihnen zu liberal, da dort eine für sie völlig inakzeptable Orgel sowie ein gemischter Chor für Musik sorgten. Nach dem religiösen Haupt von Adass Jisroel Düsseldorf, Rabbiner Heinrich Chajim Weyl, wurde der Begräbnisplatz auch „Weyl’scher Friedhof“ genannt. Er umfasst heute insgesamt 46 Gräber mit hebräischen und deutschen Inschriften.

Friedhof wurde nach 1945 mehrfach geschändet

Der Text auf der Erinnerungstafel, das Bild kann durch Anklicken vergrößert werden (Bilder: NRW.direkt)

Vermutet wird, dass nach der Pogromnacht 1938 auf dem Friedhof eine oder mehrere geschändete Tora-Rollen den religiösen Regeln folgend bestattet wurden, um sie vor weiterer Zerstörung zu bewahren. 1939 wurde Adass Jisroel im gesamten NS-Staat verboten und aufgelöst. Rabbiner Weyl flüchtete in die Niederlande, von wo er später in das KZ Auschwitz deportiert wurde. Dort wurde er am 18. November 1943 ermordet. Der Begräbnisplatz, der heute Eigentum des Landesverbandes der Jüdischer Gemeinden von Nordrhein ist, wurde nach 1945 mehrfach geschändet.

Nach der Begrüßung durch Bezirksbürgermeister Karsten Kunert (SPD) hielt der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel eine kurze Rede. „Mit der Enthüllung der Gedenktafel erinnern wir an das orthodoxe Judentum in Düsseldorf und an das große Leid, das orthodoxe Juden in der Zeit des Nationalsozialismus erfahren haben“, sagte der SPD-Politiker. In einer kurzen Randbemerkung warnte Geisel vor denen, „die die Gesellschaft spalten wollen“ und dabei auch vor „schlimmen Taten“ nicht zurückschreckten. Wen er damit konkret meinte, ließ er jedoch offen.

„Wir leben in turbulenten Zeiten“

Heute ist der Friedhof eingezäunt und nicht mehr frei zugänglich (Bilder: NRW.direkt)

Dritter und letzter Redner war Oded Horowitz. „Wir leben in turbulenten Zeiten. Es vergeht beinah kein Tag, ohne dass ein antisemitischer Vorfall gemeldet wird. Auf Schulhöfen, auf der Straße, im Sport, in der Kultur – überall scheint man als Jude momentan anzuecken, überall scheint man die Legitimation, Präsenz und Bedeutung der jüdischen Identität neu diskutieren zu wollen“, sagte der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein.

Damit spielte Oded Horowitz darauf an, dass die letzten Wochen für Juden in der Region sehr bewegt waren: Mitte Juli sorgten zwei Übergriffe auf wegen ihrer Kippa als Juden erkennbare Männer für Angst und Empörung. Zuerst wurde ein 50-jähriger Professor aus den USA im Bonner Hofgarten angegriffen. Tatverdächtiger ist ein 20-jähriger Deutscher mit palästinensischer Abstammung. Nur zwei Tage später wurde ein 17-Jähriger in der Düsseldorfer Altstadt von einer rund zehnköpfigen Gruppe junger Männer angegangen und beleidigt. Die noch nicht ermittelten Täter wurden von dem Opfer als südländisch oder nordafrikanisch beschrieben. Auffällig dabei war, dass alle Täter bärtig sein sollen. In den letzten Wochen sorgten die Vorgänge um die Ruhrtriennale und deren Intendantin Stefanie Carp für Sorgen, die BDS-Bewegung, deren Ziel die wirtschaftliche, politische und kulturelle Isolation Israels ist, könne in Deutschland gesellschaftsfähig werden.

„Dabei ist die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nicht groß. Der Grund dafür liegt auf der Hand“, fuhr Oded Horowitz fort. „Dass dies einmal anders war, davon zeugen nicht zuletzt unsere alten Friedhöfe. Die jüdischen Friedhöfe wie dieser zeigen uns, dass die Juden in Deutschland einmal zu Hause waren. Die Grabsteine auf den Friedhöfen wie diesem sind heute historische Zeugnisse deutsch-jüdischen Lebens, das wir heute unter neuen Vorzeichen mühsam aufbauen. Allen Anfeindungen zum Trotz sind wir für die Öffnung jüdischer Friedhöfe. Wir wollen uns und unsere gemeinsame Geschichte nicht verstecken, ganz im Gegenteil.“ Nach seiner Rede konnte der kleine eingezäunte Friedhof, der heute für Besucher nicht mehr frei zugänglich ist, von den Veranstaltungsteilnehmern besichtigt werden.

Bild ganz oben von links: David Gladilin vom JU-Arbeitskreis „Ben Gurion“, Ulrich Wensel und sein JU-Kollege Marc-Philipp Fink vor der Erinnerungstafel

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