Mönchengladbach Panorama

Verliert Mönchengladbach seine Ju 52?

Mönchengladbach. Obwohl die HB-HOY in der Schweiz registriert ist, ist sie seit 1997 am Niederrhein stationiert und gilt als „Gladbachs Tante Ju“. Wegen des Verlustes einer ihrer Flugzeuge bei einem Absturz im August überlegt die Ju-Air jedoch, die derzeit fluguntaugliche Ju 52 wieder in die Schweiz zurückzuholen. Entschieden sei jedoch noch nichts, hieß es auf Nachfrage. Sicher ist aber, dass es die beliebten Ju-52-Rundflüge auch 2019 geben wird – womit das historische Flugzeug nicht ganz verloren gehen würde.

Als am 4. August eine Ju 52 der schweizerischen Ju-Air am Piz Segnas in den Schweizer Alpen abstürzte, verloren 17 Fluggäste, die beiden Piloten und eine Flugbegleiterin ihr Leben. Für die Ju-Air, die 1982 gegründet wurde, um regelmäßige Rundflüge mit Ju-52-Flugzeugen durchzuführen, und die bis dahin keinen einzigen Personenschaden zu vermelden hatte, war der Unfall das schwärzeste Kapitel ihrer Geschichte. Bislang ist nichts zur Unglücksursache bekannt; die Untersuchungen des Schweizer Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl) dazu dauern weiter an.

Für fast vier Wochen ließ die in Dübendorf bei Zürich beheimatete Ju-Air ihren Flugbetrieb freiwillig ruhen. Anfang September wurde der Betrieb wieder aufgenommen. Aber kaum hoben die verbliebenen Ju 52 von Ju-Air wieder ab, zeigte sich, dass die Begeisterung für das historische Flugzeug ungebrochen war. Damit stand Ju-Air aber auch vor einem großen Problem, denn deren Flugplan basierte immer auf drei Flugzeugen. Nach dem Verlust der verunfallten HB-HOT verfügte die Ju-Air aber nur noch über zwei Ju 52. Und bei insgesamt nur noch sechs flugfähigen Ju 52 auf der ganzen Welt gibt es kaum noch Möglichkeiten, ein neues Flugzeug zu kaufen.

Anfang Oktober überraschte der Schweizer Tages-Anzeiger mit der Meldung, Ju-Air sei dennoch fündig geworden. „Die Tante Ju mit Bezeichnung HB-HOY steht derzeit in einem Hangar in Mönchengladbach. Doch die Maschine ist nicht flugtauglich“, hieß es im Tages-Anzeiger. Eher beiläufig wurde erwähnt, dass die HB-HOY einem deutschen Verein gehöre. Das Flugzeug seit bereits von 1997 bis 2016 für Ju-Air geflogen und solle nun wieder nach Dübendorf geholt werden, hieß es weiter.

In Düsseldorf drohte der Ju die Verschrottung

Eine Darstellung, die im Rheinland Verwunderung auslösen dürfte, denn dort ist die 1949 von der spanischen Firma CASA gebaute Ju 52 nur als „Gladbachs Tante Ju“ bekannt. Von 1976 bis 1991 war das ursprünglich als D-CIAK registrierte Flugzeug auf der Besucherterrasse des Düsseldorfer Flughafens ausgestellt. Um es vor der Verschrottung zu bewahren, gründeten engagierte Flughafenmitarbeiter 1991 den Verein der Freunde historischer Luftfahrzeuge (VfL). 1992 wurde die D-CIAK nach Dübendorf überführt. Dort wurde sie von Ju-Air restauriert.

Im August 1997 konnte das inzwischen in der Schweiz als HB-HOY registrierte historische Flugzeug wieder abheben und wurde dem VfL auf dem Flughafen Mönchengladbach feierlich übergeben. Danach wurden mit ihr Rundflüge über den Niederrhein angeboten. Und da die Ju zwar dem VfL gehört, aber von Ju-Air betrieben wurde, kam es auch zu Einsätzen in ganz Europa.

Wie eng die Bindung der Ju an Mönchengladbach ist, zeigte sich aber im Juni 2015, als auf dem kleinen Flughafen der Stadt ein mit EU-Fördergeldern und Landesmitteln sowie nach dem in Rheydt geborenen Konstrukteur Hugo Junkers benannter Hangar eingeweiht wurde. Der Hugo-Junkers-Hanger wurde zur neuen Heimat der HB-HOY, die seitdem darin untergebracht ist.

Letzter Flug im Oktober 2016

Aber nur ein Jahr später aber musste „Gladbachs Tante Ju“ ihren Flugbetrieb einstellen; am 29. Oktober 2016 konnte sie zum letzten Mal abheben. Grund waren kaputte Motoren. Die HB-HOY könne erst wieder abheben, wenn neue Original-BMW-Motoren gefunden würden, hieß es damals von Seiten des VfL. Diese würden rund 1,3 Millionen Euro kosten. Geld, das der Verein nicht hatte. Und Unterstützung der Ju-Air gab es nicht. Noch gravierender aber war, dass diese Motoren überhaupt erst einmal irgendwo auf der Welt gefunden werden müssen, etwa bei einer aus anderen Gründen nicht mehr flugfähigen Ju 52.

Die 277 Euro teuren 40-minütigen Rundflüge über den Niederrhein, die sich hoher Beliebtheit erfreuen und so gut wie immer ausgebucht sind, mussten seitdem mit anderen Ju 52 von Ju-Air durchgeführt werden. Die HB-HOY aber blieb am Boden und diente nur noch zur Dekoration anderer im Hugo-Junkers-Hanger stattfindenden Events. Der VfL sammelte Spenden, mit „Singen für die Tante Ju“ gab es im Juni dieses Jahres sogar ein Benefizkonzert. Trotzdem wurde es still um die HB-HOY: Hoffnung, dass das historische Flugzeug jemals wieder abheben kann, zeichnete sich in Mönchengladbach nicht ab.

Nach dem Unfall wurde die HB-HOY wieder interessant

Bis zum Absturz am Piz Segnas am 4. August. Schon einen Monat nach dem Unfall gab es Gerüchte, bei den benötigten Motoren sei etwas in Bewegung geraten. Der VfL aber hüllte sich in Schweigen und wollte nichts dazu sagen. Und mit dem Artikel im Schweizer Tages-Anzeiger bot sich auch eine Erklärung, warum: Denn jetzt ging es nicht mehr darum, wie viele Mönchengladbacher gehofft hatten, „Gladbachs Tante Ju“ wieder abheben zu lassen. Sondern darum, dass die Geburtsstadt von Hugo Junkers das symbolträchtige Flugzeug nach mehr als 21 Jahren wieder verlieren könnte.

„Die Ju-Air ist daran interessiert, eine dritte Ju 52 in ihre Flotte aufzunehmen. Sie hat zusammen mit dem Verein der Freunde historischer Luftfahrzeuge Abklärungen aufgenommen, ob und wie die HB-HOY wieder flugtauglich gemacht werden könnte. Zu den Abklärungen gehören umfangreiche technische, rechtliche und wirtschaftliche Fragen“, sagte Christian Gartmann, Kommunikations-Beauftragter von Ju-Air, auf Nachfrage. Entschieden sei aber noch nichts. „Wir hoffen, bis Ende dieses Monats mehr zu wissen.“ Die Frage, ob unter einer Zurückholung in die Schweiz ein vollständiger Abzug der Ju aus Mönchengladbach zu verstehen sei, blieb unbeantwortet.

Ein Trost ist der Geburtsstadt von Hugo Junkers trotzdem sicher: Die regelmäßigen Rundflüge mit der „Tante Ju“ ab Essen/Mülheim und Mönchengladbach sowie einmal jährlich auch ab Leverkusen wird es in jedem Fall weiterhin geben. Erst vor zwei Wochen wurden die Termine für 2019 im Internet bekannt- und zur Buchung freigegeben. Sich vollständig von der HB-HOY verabschieden zu müssen, droht also nicht. Und der Hugo-Junkers-Hangar könnte auch weiterhin für andere Events genutzt werden.

Bild: Die HB-HOY im Hugo-Junkers-Hangar. Bildrechte: NRW.direkt

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