Bonn Nachrichten

Wegen Kippa Angegriffener beschuldigt Polizei

Bonn. In einem im Internet veröffentlichten Brief schildert Professor Yitzhak Melamed, wie er wegen seiner Kippa am Mittwoch im Hofgarten angegriffen wurde. Dabei erhebt er aber auch schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Michael Naor, Präsident der B’nai B’rith Franz-Rosenzweig-Loge in Düsseldorf, fordert eine konsequente Reaktion auf den Angriff sowie eine Untersuchung des Verhaltens der eingesetzten Polizisten.

Die Kippa ist eine Kopfbedeckung männlicher Juden (Symbolbild: NRW.direkt)

Wie bereits berichtet, wurde am Mittwoch im Bonner Hofgarten ein Mann angegriffen, weil er eine Kippa trug. Bei dem Opfer handelt es sich um den 50-jährigen Professor Yitzhak Melamed. Der Israeli unterrichtet in den USA und war in Bonn, um einen Vortrag an der dortigen Universität zu halten. Der Tatverdächtige, ein 20-jähriger Deutscher mit palästinensischen Wurzeln, wurde mangels Haftgründen wieder auf freien Fuß gesetzt.

Am Samstag wurde auf einem US-amerikanischen Blog ein Brief von Yitzhak Melamed an einen Freund in Deutschland veröffentlicht. Darin schildert Melamed auch, wie er den Angriff sowie die danach folgenden Ereignisse zusammen mit einer ehemaligen Kollegin erlebt hat: „Es war kurz nach 14 Uhr, als wir die Straße überquerten und den Bonner Hofgarten betraten. Kurz darauf kam ein etwa 1,60 Meter großer stämmiger Mann auf uns zu und fragte mich ‚Bist du Jude?‘ Er fügte hinzu, dass er Palästinenser sei. Ich antwortete, dass ich Sympathie für die Notlage der Palästinenser hege und den gegenwärtigen bedrückenden Zustand der islamisch-jüdischen Beziehungen zutiefst bedauere. Aber als er merkte, dass ich ein Fremder war, begann er auf Englisch zu brüllen: ‚I fuck Jews, I fuck Jews.‘

Dr. Steiner und ich erkannten sofort, wohin die Unterhaltung führte und gingen deswegen auf die andere Seite, um uns von der Person zu entfernen, die uns jedoch mit hartnäckigen Flüchen folgte. Dann versuchte er meine Kippa wegzuwerfen und schrie auf deutsch, dass ich in Deutschland keine Kippa tragen dürfe. Ich nahm meine Kippa vom Boden und legte sie wieder auf meinen Kopf. Der Junge wurde wütender: ‚Nein. Du darfst die Kippa hier nicht haben.‘ Dann rief er mehrmals: ‚Keine Juden in Deutschland‘ und warf meine Kippa zum zweiten Mal zu Boden. Ich hob sie auf und legte sie wieder auf meinen Kopf. ‚Du hörst nicht auf mich‘, rief er und schlug mir zum dritten Mal meine Kippa vom Kopf. Ich hob sie auf und legte sie wieder auf meinen Kopf. Er schubste mich und wir bewegten uns zur Seite.“

Melamed wirft der Polizei mehrere Dutzend Schläge vor

Schwerpunkt des Briefes von Yitzhak Melamed aber waren schwere Vorwürfe gegen die deutsche Polizei. Deren Bericht zu dem Vorfall sei „voll von platten und grundlosen Lügen, die sowohl die Brutalität als auch die Ineffizienz der Bonner Polizei am 11. Juli verschleiern sollen“, schrieb er. Dann schilderte er seine irrtümliche Festnahme: „Ich hatte nicht viel Zeit, mich zu wundern, da sich sofort vier oder fünf schwer bewaffnete Polizisten auf mich warfen, zwei von vorne und zwei oder drei von hinten. Sie drückten meinen Kopf in den Boden und während ich völlig kampfunfähig und kaum in der Lage war zu atmen, ganz zu schweigen davon, einen Finger bewegen zu können, begannen sie, in mein Gesicht zu schlagen. Nach einigen Dutzend Schlägen fing ich an, auf Englisch zu schreien, dass ich die falsche Person sei. Sie legten mir Handschellen hinter meinen Rücken an und nach ein paar weiteren Dutzend Schlägen in mein Gesicht, während ich schrie, dass ich die falsche Person sei, ließen sie sich endlich von mir ab. Ich konnte wieder atmen.“

Nachdem die Polizisten ihren Irrtum bemerkt und den tatsächlichen Angreifer festgenommen hatten, habe ihn einer der Beamten auf englisch angeschrien: „Leg Dich nicht mit der deutschen Polizei an!“ Daraufhin habe Melamed sarkastisch geantwortet: „Ich habe keine Angst mehr vor der deutschen Polizei. Die deutsche Polizei hat meinen Großvater ermordet. Sie hat meine Großmutter ermordet. Sie hat meinen Onkel ermordet und sie hat meine Tante ermordet. Alles an einem Tag im September 1942. Also, leider habe ich keine Angst mehr vor ihnen.“ Später hätten sich die Polizisten für ihren Fehler entschuldigt, ihn aber davon abzubringen versucht, Beschwerde einzureichen.

Die Bonner Polizei hatte bereits eingeräumt, dass die eingesetzten Kräfte die Situation falsch eingeschätzt hatten: „Als sich die polizeilichen Einsatzkräfte den beiden Personen dann von zwei Seiten näherten, hielten sie den Professor, der auch auf mehrere Aufforderungen der Beamten, stehen zu bleiben, nicht nachkam, irrtümlich für den Aggressor. Er wurde von den Polizisten überwältigt, zu Boden gebracht und fixiert. Nach Angaben der Beamten wehrte er sich gegen die Maßnahmen – die Polizisten schlugen ihm hierbei auch ins Gesicht“, hieß es dazu in der Polizeimeldung vom Donnerstag.

Sofort Ermittlungen gegen Polizisten eingeleitet

Beamte des Polizeipräsidiums Köln wurden daraufhin mit Ermittlungen wegen Körperverletzung im Amt gegen die eingesetzten Polizisten betraut. Die Bonner Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa suchte Yitzhak Melamed persönlich auf, um sich für das Verhalten der Polizisten zu entschuldigen. „Ein schreckliches und bedauerliches Missverständnis im Einsatzgeschehen, für das ich bei dem betroffenen Professor ausdrücklich um Entschuldigung gebeten habe. Wir werden genau prüfen, wie es zu dieser Situation kam und alles Mögliche dafür tun, um solche Missverständnisse zukünftig vermeiden zu können“, sagte sie nach dem persönlichen Gespräch.

In seinem Brief aber interpretierte Melamed die Entschuldigung der Polizeipräsidentin als „klaren und unaufrichtigen politischen Schritt“. Stattdessen erhob er den Vorwurf, Polizei und damit auch Medien hätten den Vorfall so dargestellt, „dass ich mich einer Verhaftung widersetzt hätte und mich die Polizei daher folglich hätte schlagen ‚müssen'“. Die Aufnahme von Ermittlungen gegen die eingesetzten Polizisten erwähnte Yitzhak Melamed jedoch nicht.

Im letzten Teil seines Briefes zeigte der Philosophie-Professor offen, vor welchem Hintergrund er den Vorfall betrachtet: „Ich habe keine Lust auf weitere Begegnungen mit der Bonner Polizei. Polizeibrutalität ist eine der schlimmsten Aspekte der gegenwärtigen amerikanischen Gesellschaft. Es ist rassistisch und gemein.“ Und: „Der einzige Grund, warum die Präsidentin der Bonner Polizei bei mir um ‚Entschuldigung‘ gebeten hat ist, dass ich Professor an der Johns-Hopkins-Universität bin. Wenn ich ein ‚Underdog‘ der deutschen Gesellschaft wäre, würde sich niemand darum kümmern.“

Vollständige Untersuchung gefordert

„B’nai B’rith beobachtet seit vielen Jahren antisemitische Vorfälle weltweit. Den steigenden Antisemitismus in Deutschland sehen wir dabei mit großer Sorge. Antijüdische Ressentiments werden in den letzten Jahren offen geäußert, meist sehr laut und oft auch aggressiv bis hin zu tätlichen Angriffen. Im Falle des Angriffs auf den Professor in Bonn erwarten wir eine entschiedene und konsequente Reaktion der Behörden. Dies schließt selbstverständlich die volle Umsetzung bestehender Gesetze ein“, sagte Michael Naor, Präsident der B’nai B’rith Franz-Rosenzweig-Loge in Düsseldorf, am Samstag im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wir erwarten aber auch eine zügige und vollständige Untersuchung des Verhaltens der eingesetzten Polizisten. Dabei haben wir vollstes Vertrauen in die Ermittlungen des Kölner Polizeipräsidiums.“ (ph)

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