Dortmund Nachrichten

„Wer Deutschland liebt, ist Antisemit“

Dortmund. Bei einem Neo-Nazi-Aufmarsch wurde am Freitagabend auch die Parole „Wer Deutschland liebt, ist Antisemit“ skandiert. „Was jüdisches Leben angeht, sind Sprüche wie ‚Deutschland ist bunt‘ oder ‚Wir sind mehr‘ eine Wunschvorstellung“, meint JU-Kreisvorsitzende Sarah Beckhoff. „Beim Thema Antisemitismus ist die Politik in der Pflicht, zu handeln. Das Judentum hat Deutschland historisch und kulturell mitgeprägt. Wer Juden angreift, der greift uns alle an.“

Rechtsextremisten ziehen durch Dortmund (Symbolbild: NRW.direkt)

Nach einem rechtsextremistischen Aufmarsch am Freitagabend in Dortmund-Marten hat die Polizei Ermittlungsverfahren gegen mehrere Teilnehmer eingeleitet. Ein im Internet aufgetauchtes Video zeigt Neo-Nazis mit Reichskriegsflaggen, die bei ihrem Aufmarsch „Wer Deutschland liebt, ist Antisemit“ skandieren. Die Polizei bestätigte auf Twitter indirekt die Echtheit des Videos und kündigte eine strafrechtliche Überprüfung an. Einer bislang unbestätigten Meldung zufolge soll auch die Parole „Nationaler Sozialismus jetzt“ gebrüllt worden sein.

An dem Aufmarsch nahmen rund 100 Rechtsextremisten teil. An einem zeitlich versetzten weiteren Aufmarsch in Dortmund-Dorstfeld nahmen rund 70 Rechtsextremisten teil. Dorstfeld gilt als eine der Hochburgen der Neo-Nazi-Szene in Nordrhein-Westfalen.

Am Samstag reagierte die Dortmunder Polizei auf Kritik, die beiden Aufmärsche nicht verhindert und zu wenige Beamte eingesetzt zu haben. Das Polizeipräsidium habe den Anmeldern im Vorfeld Auflagen gemacht. Das Oberverwaltungsgericht in Münster aber habe den Auflagenbescheid abgelehnt. Aufgrund mehrerer größerer Einsätze, insbesondere dem im Hambacher Forst, sind die Kapazitäten der Landespolizei derzeit voll ausgeschöpft.

„Wer Juden angreift, greift uns alle an“

Sarah Beckhoff (Bild: NRW.direkt)

„Die Dortmunder Neo-Nazi-Szene versammelt sich regelmäßig unter dem Banner ‚Solidarität mit Palästina‘. Zum 70. Geburtstag Israels hatte sie ein Banner mit der Aufschrift ‚Israel ist unser Unglück‘, das offen an den Nazi-Spruch ‚Die Juden sind unser Unglück‘ angelehnt war. Und jetzt wird ‚Wer Deutschland liebt, ist Antisemit‘ skandiert. Aber was setzen wir dem entgegen?“, fragt Sarah Beckhoff, Kreisvorsitzende der Jungen Union in Dortmund. „Sprüche wie ‚Deutschland ist bunt‘ oder ‚Wir sind mehr‘? Solche Lippenbekenntnisse hört man dieser Tage angesichts der Ereignisse in Chemnitz und Köthen überall. Aber sie klingen eher wie eine stoische Selbstbestätigung.“

„Was jüdisches Leben in Deutschland angeht, sind sie jedenfalls eine Wunschvorstellung“, sagte Beckhoff unserer Redaktion. „Deswegen darf es nicht bei solchen Floskeln bleiben. Hier ist die Politik in der Pflicht, zu handeln. Gerade wenn es um das Thema Antisemitismus geht. Denn der droht sich 73 Jahre nach der Shoa wieder schleichend zu etablieren und kann auf unterschiedliche Unterstützer zählen: Linker, rechter und islamischer Extremismus sind im Antisemitismus vereint. Das Judentum hat Deutschland historisch und kulturell mitgeprägt. Es darf keinen Zweifel daran geben, dass Juden selbstverständlich zu unserer Gesellschaft dazugehören. Wer Juden angreift, greift uns alle an.“

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