Kolumnen Politik

Wie ist Trikotwerbung für Salafisten möglich?

Letzte Woche kam heraus, dass ein marokkanischer Fußball-Verein in Bonn eineinhalb Jahre Trikotwerbung für einen vom Verfassungsschutz als salafistisch eingestuften Verein gemacht haben soll. Der Fall erinnert an einen Salafisten-Prediger, der im Mai beim KDDM-Cup in Düsseldorf mitgespielt hat. Wie sind solche Dinge möglich? Eine Kolumne von Sylvia Pantel.

Sylvia Pantel

Googeln ist nicht schwer. Es gehört zu den Fertigkeiten des täglichen Lebens, die man heutzutage bei jedem voraussetzen darf und kann. Und wer „Ansaar International“ googelt, der stößt mit zwei Klicks schnell darauf, dass es sich bei der islamischen Hilfsorganisation mit Sitz in Düsseldorf um einen Verein handelt, der vom Verfassungsschutz dem salafistischen Spektrum zugerechnet wird. Mit einem dritten Klick stößt man nicht minder schnell darauf, dass das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz die „vermeintlich rein humanitären Hilfsaktivitäten“ von Vereinen wie Ansaar International als potentielle Bedrohung für unsere verfassungsmäßige Ordnung bezeichnet hat.

Umso erstaunlicher ist es, was die Stadtverwaltung Bonn am letzten Donnerstag auf Nachfrage der Ratsfraktion der Sozialliberalen einräumen musste: Die erste und die dritte Fußball-Mannschaft des Marokkanischen Sportverein Bonn (MSV) tragen in der laufenden Saison Trikots mit Aufschrift „Ansaar International“. Ein am 10. November auf der Facebook-Seite des MSV veröffentlichtes Foto belegte diese Darstellung.

Noch am gleichen Tag räumte MSV-Trainer Serhat Dogan gegenüber dem Bonner General-Anzeiger ein, dass die Trikots mit der Werbung für den mutmaßlichen Salafisten-Verein bereits seit anderthalb Jahren getragen werden. „Uns war es nicht bewusst, wobei es sich bei dem Sponsor handelt. Die Trikots wurden uns über einen Bekannten des Vereins vermittelt, weil es schwer ist, überhaupt einen Sponsor oder Unterstützer zu finden“, sagte er.

Expertin glaubt die Erklärung nicht

Eine Islamismus-Expertin glaubt das jedoch nicht: „Dass Ansaar International eine problematische Organisation ist, erschließt sich tatsächlich auch dem Laien unmittelbar“, sagte Sigrid Herrmann-Marschall. „Dazu liegen nicht nur Verfassungsschutz-, sondern auch Medienberichte in reicher Zahl vor. Das über so lange Zeit und vor allem zu Beginn des Sponsoring nicht bemerkt haben zu wollen, ist abwegig. Das erscheint mir als Schutzbehauptung.“

Zumindest hat der MSV noch am selben Tag eingelenkt und angekündigt, nicht mehr in den Trikots spielen zu wollen. Aber es geht nicht nur darum, ob und was sich der Verein dabei gedacht hat. Oder darum, wie das passieren konnte, dass das eineinhalb Jahre keinem Zuschauer, keinem Schiedsrichter und auch keinem einzigen Spieler einer gegnerischen Mannschaft aufgefallen ist. Sondern auch darum, dass der Mittelrheinische Fußball-Verband die Trikotwerbung offensichtlich erlaubt hat.

Salafisten-Prediger beim KDDM-Cup

Mich erinnert dieser Skandal an einen Fall, den wir erst im Mai in Düsseldorf erlebt hatten: Da hatte sich nach einem Fußball-Turnier des Kreises der Düsseldorfer Muslime (KDDM) herausgestellt, dass beim prestigeträchtigen Spiel der Pfarrer gegen die Imame ein dem Verfassungsschutz bestens bekannter Salafisten-Prediger mitgespielt hat. Bei dem erst im Vorjahr das Oberverwaltungsgericht Münster die Entscheidung der Stadt Wuppertal, ihm wegen seiner Kontakte in die Salafisten-Szene die Einbürgerung zu verweigern, für rechtens erklärt hatte.

Und das passierte rund ein halbes Jahr, nachdem aufgeflogen ist, dass der Salafisten-Prediger in Düsseldorf als Kinder- und Jugendtherapeut tätig war. Und trotz dieser – bekannten – Vorgeschichte haben sich Landesintegrationsminister Joachim Stamp (FDP) und der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel nichtsahnend mit ihm fotografieren lassen.

Warnungen müssen auch ernst genommen werden

Dieser Fall hat mich sehr entsetzt, weil auch ich damals die Stadt darauf aufmerksam gemacht habe, dass dieser Salafisten-Prediger mitten in meinem Wahlkreis sein Unwesen treibt. Aber diese Information hatte wohl keine Konsequenzen und wurde offenbar nicht ernst genommen. Und die Nachricht über den Bonner Fußball-Verein mit der Salafisten-Werbung platzt mitten in die Zeit, in der wir erneut unsere Weihnachtsmärkte zum Schutz gegen islamistischen Terror verbarrikadieren.

Bei Ansaar International wie auch im Falle des Salafisten-Predigers hat der Verfassungsschutz ordentliche Arbeit geleistet. Trotzdem kam es zu diesen skandalösen Pannen, weil andere Stellen die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes nicht ernst genommen haben. Wenn wir diese Kultur des Laufenlassens und des Wegguckens weiter praktizieren und dabei darauf hoffen, dass nette, freiwillige Präventionsprogramme schon alles richten werden, dann wird sich unser Land weiter in einen Hochsicherheitstrakt verwandeln. Und trotzdem wird es Leid verursachen.

Es reicht einfach nicht, Erkenntnisse zu sammeln und Maßnahmen sowie Warnungen zu erarbeiten. Ganz offensichtlich müssen wir uns einen Kopf machen, wie wir Verantwortungsträger dazu bringen, diese auch ernst zu nehmen und Schlüsse daraus zu ziehen. Das ist eigentlich traurig, aber trotzdem die Erkenntnis aus diesen Fällen. Hier besteht schneller und konsequenter Handlungsbedarf.

Die Kolumnen von NRW.direkt geben die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Dabei muss es sich nicht zwangsläufig um die Meinung unserer Redaktion handeln.

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Über den Autor

Sylvia Pantel

Sylvia Pantel ist direkt gewählte Bundestagsabgeordnete für den Düsseldorfer Süden. Im Parlament sitzt sie in den Ausschüssen für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie Menschenrechte und Humanitäre Hilfe. Zusammen mit Philipp Lengsfeld ist sie Koordinatorin der Bundestagsabgeordneten im Berliner Kreis, einem Zusammenschluss konservativer CDU-Politiker. Außerdem ist sie Vorsitzende der Düsseldorfer Frauen Union (FU) sowie stellvertretende FU-Landesvorsitzende. Sylvia Pantel ist verheiratet und fünffache Mutter.