Düsseldorf Politik

Wütende Proteste von Ahmadiyya-Frauen

Düsseldorf. Eine Kolumne von Sylvia Pantel bei NRW.direkt führt bereits seit Tagen zu wütenden Protesten von Frauen aus der Ahmadiyya-Gemeinde. Diese schlugen der CDU-Politikerin vor, sie zu treffen, damit sie sich ein „authentisches“ Bild machen könne. Ein von Pantel vorgeschlagenes Sachgespräch, an dem auch die Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall teilgenommen hätte, stieß jedoch auf sofortige Ablehnung. Danach richteten sich die emotionalen Vorwürfe gegen unsere Redaktion.

Frauen aus der Ahmadiyya-Gemeinde bei einer Demonstration in Köln (Bild: NRW.direkt)

Am Dienstag letzter Woche veröffentlichte die Düsseldorfer CDU-Politikerin Sylvia Pantel bei NRW.direkt eine Kolumne mit dem Titel „Warum die Ahmadiyya nicht anerkannt werden sollte“. Hintergrund dieser Kolumne war die in diesem Jahr für die Staatskanzlei anstehende Entscheidung, ob die wegen ihres Frauenbildes umstrittene Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) in Nordrhein-Westfalen als Körperschaft des öffentlichen Rechts (KöR) anerkannt wird. In Hessen und Hamburg ist die laut ihrer Satzung einem Kalifen in Pakistan unterstehende Ahmadiyya-Gemeinde bereits als KöR anerkannt und damit christlichen Kirchen rechtlich gleichgestellt.

In ihrer Kolumne bekräftigte Sylvia Pantel ihre Meinung, dass das Frauenbild der AMJ nicht der in Artikel 3 des Grundgesetzes festgeschriebenen Gleichberechtigung von Männern und Frauen entspreche und die Gemeinde deshalb nicht als KöR anerkannt werden sollte. Zur Begründung bezog sie sich unter anderem auf eine Ausstellung der Ahmadiyya-Gemeinde im Februar 2017 im Düsseldorfer Rathaus. Die Ausstellung geriet zum Skandal, nachdem der Düsseldorfer Anzeiger berichtet hatte, dass dort auch Broschüren mit Titeln wie „Die Rechte und Pflichten einer Frau im Islam“, „Die islamische Ehe“ oder „Warum trägt die Muslima Schleier oder Kopftuch?“ angeboten wurden. Selbst der Düsseldorfer SPD-Oberbürgermeister Thomas Geisel distanzierte sich daraufhin von dem „vielleicht sogar reaktionären Familien- und Frauenbild“ der Ahmadiyya-Gemeinde.

Außerdem bezog sich Sylvia Pantel in ihrer Kolumne auf eine Sachverständigen-Anhörung am 17. Januar im Landtag. In dieser Anhörung hatte die Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall auf Nachfrage zum Geschlechterbild der AMJ erläutert, dass die von den Ahmadiyyas benutzte Begrifflichkeit der „Gleichwertigkeit“ mitnichten gleiche Rechte für Frauen im Diesseits bedeute. Die Gleichwertigkeit werde erst vor Gott erzielt. Im Diesseits aber müssten Frauen mindere Rechte hinnehmen sowie sich den islamischen und göttlichen Regeln unterwerfen, um im Jenseits gleichwertig zu sein, so Herrmann-Marschall.

„Nicht mit Gleichberechtigung von Mann und Frau zu vereinbaren“

„Mich bestätigen diese Erkenntnisse in meiner Meinung, dass ein solches Frauenbild nicht mit der im Artikel 3 unseres Grundgesetzes festgeschriebenen Gleichberechtigung von Mann und Frau zu vereinbaren ist. Frauen haben zu lange für ihre Rechte gekämpft, als dass diese jetzt fragwürdigen Ideologien geopfert werden. Und deswegen sollte die Ahmadiyya-Gemeinde auch nicht als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt werden“, lautete Pantels Fazit dazu.

Dies führte seit Donnerstag zu starken Protesten von Frauen aus der Ahmadiyya-Gemeinde in Düsseldorf. So waren auf den Facebook-Seiten von Sylvia Pantel und NRW.direkt mehrere Tage lang wütende Kommentare zu lesen. Auch in unserer Redaktion gingen seit Donnerstag wütende E-Mails ein, die teilweise mit der konkreten Aufforderung an die CDU-Bundestagsabgeordnete verbunden waren, sich mit Frauen aus der Ahmadiyya-Gemeinde zu treffen, anstatt über sie zu schreiben.

Vorwürfe gegen Pantel

„Ahmadiyya-Muslim-Frauen haben im Durchschnitt höhere Abschlüsse als ihre männlichen Glaubensgenossen, weil Bildung im Islam kein Recht, sondern Pflicht ist, sie sind selbstbewusst, engagiert und führen nachweislich die glücklicheren und erfolgreicheren Ehen als nicht-muslimische Frauen! Uns macht so schnell niemand etwas vor“, schrieb etwa Rehana A., die laut eigener Aussage in der Gemeinde in der Abteilung „Interreligiöser Dialog“ aktiv ist, in einer ihrer E-Mails. „Und da ich aufgrund ihrer Formulierungen stark bezweifele, dass Frau Pantel auch nur eine einzige Ahmadi-Muslima persönlich kennt, lade ich sie hiermit herzlich ein, Ahmadi-Muslimas aus dem Gebiet Düsseldorf bei einem gemeinsamen Treffen persönlich kennenzulernen, um sich ein eigenes Bild dieser, in ihren Augen, entrechteten und unterdrückten Frauen zu machen. Es würde ihren öffentlichen Statements in Bezug auf die Ahmadiyya-Gemeinde zur Glaubwürdigkeit verhelfen, wenn sie aus persönlicher Erfahrung und nicht bloß vom Hörensagen berichten könnte. Ich bezweifele jedoch, dass das Abbauen von Vorurteilen und Fördern von realen Fakten in ihrem Sinne ist. Sie wird vermutlich genügend Gründe finden, einem solchen Treffen ihre Absage zu erteilen.“

„Ich bin es leid! Ich, als Ahmadi-Muslima mit einem Hochschulabschluss, möchte nicht länger als Opferlamm für Frau Pantels persönlichen Kreuzzug gegen die Ahmadiyya Muslim Jamaat missbraucht werden. Wenn über unsere Köpfe hinweg eine Debatte geführt wird, die für uns so unbegründet und faktisch falsch ist, dann nicht zuletzt, weil wir von vorurteilsbehafteten Menschen wie Frau Pantel für ‚unmündig‘ und ‚unterdrückt‘ gehalten werden“, schrieb Seika Robina A. „Liebe Frau Pantel: Danke, aber nein danke: Mein Glaube fördert und fordert mich mehr als es jemals irgendein Politiker oder eine Politikerin tun könnte. Wissenserwerb als eine Pflicht zu betrachten, sich zum Zwecke der Menschheit einzusetzen und meinem Land, Deutschland, gesetzestreu durch Engagement zu dienen, sind nur einige Auszüge an den Forderungen, die mein Glaube an mich als Muslima stellt. Zugegebenermaßen ist das nicht immer leicht, etwa wenn Bundestagsabgeordnete, die im Übrigen auch meine Interessen vertreten sollten, meinen Glauben diffamieren und mich als etwas darstellen, das ich nicht bin: Unterdrückt – von wem auch immer.“

„Wir müssen uns über die Fakten auseinandersetzen“

Auf Nachfrage unserer Redaktion sagte Sylvia Pantel am Samstag, dass sie grundsätzlich zum Gespräch mit den Ahmadiyya-Frauen bereit sei. Das mache aber nur Sinn, wenn sich diese damit einverstanden erklären, dass auch Sigrid Herrmann-Marschall daran teilnimmt. „Die Vorwürfe, die mir die Frauen aus der Ahmadiyya-Gemeinde gemacht haben, waren sehr emotional. Aber so kommen wir nicht weiter, da ich in meinem Beitrag zu deren veröffentlichten Papieren Stellung bezogen hatte. In unserem Land gilt eben die Gleichberechtigung und nicht die Gleichwertigkeit“, begründete die CDU-Politikerin ihre Haltung.

„Wir müssen uns über die Fakten auseinandersetzen. Und dazu bin ich selbstverständlich auch gerne bereit. Deshalb ist es wichtig, eine unabhängigen Expertin dabeizuhaben“, sagte Sylvia Pantel. Eine weitere Nachfrage unserer Redaktion ergab, dass auch Sigrid Herrmann-Marschall zu einem solchen Gespräch bereit ist.

Treffen mit bis zu zehn Ahmadiyya-Frauen?

Das aber stieß bei den Frauen aus der Ahmadiyya-Gemeinde auf sofortige Ablehnung: „Offenbar hat Frau Pantel mein Angebot falsch verstanden. Es geht mir bei dem Treffen nicht um ein Streitgespräch, für welches sie die Unterstützung von Frau Herrmann-Marschall bräuchte. Vielmehr wollte ich Frau Pantel die Gelegenheit bieten, sich durch das Kennenlernen diverser örtlicher Frauen unserer Gemeinde ein persönliches Bild von uns machen zu können. Denn nur wenn sie mit uns und nicht nur über uns spricht und die Lebenswirklichkeit der Ahmadi-Frauen kennenlernt, kann sie auch authentisch über die Gemeinde berichten“, antwortete Rehana A. am Sonntag unserer Redaktion. „Diese Voraussetzungen wären aber meines Erachtens nicht erfüllt, wenn lediglich zwei von uns erscheinen würden. Ich hatte da eher an mindesten acht bis zehn Frauen gedacht, je nachdem, wie vielen es zeitlich überhaupt passen würde.“

„Dass die Ahmadiyya-Frauen so offen zeigen, dass es ihnen nicht um die Klärung der fehlenden Gleichberechtigung, wie in ihren Broschüren veröffentlicht, geht, finde ich sehr schade“, sagte Sylvia Pantel, nachdem sie die E-Mail von Rehana A. gelesen hatte. „Ich finde es wichtig, dass wir uns über die Rechte der Frauen auseinandersetzen. Und da bleibt mein Angebot natürlich bestehen.“

Nach der Absage Vorwürfe gegen NRW.direkt

Bis einschließlich Montag gingen weitere wütende E-Mails von Frauen aus der Ahmadiyya-Gemeinde in unserer Redaktion ein. Zuletzt war die Wut jedoch überwiegend gegen NRW.direkt gerichtet. „Ich finde, man darf Frau Pantels Meinung nicht als Expertise darstellen, denn sie ist weder Expertin über den Islam noch über die Ahmadiyya Muslim Gemeinde. Dadurch, dass sie Frau Pantels Meinung gedruckt haben, ohne eigene Recherchen anzustellen oder die Ahmadiyya-Gemeinde selbst dazu zu befragen, haben Sie sich mitschuldig gemacht, gefährliche Halbwahrheiten über den Islam und eine muslimische Gemeinde zu verbreiten“, schrieb Nabeela A. und forderte: „Sie sollten die Pressestelle der Ahmadiyya-Gemeinde bitten, Stellung zu den Vorwürfen zu nehmen. Spätestens dann werden sich Frau Pantels Anschuldigungen als haltlos erweisen.“

Stellungnahme unserer Redaktion: Die Forderung, wir sollten uns wegen der Kolumne von Sylvia Pantel an die Pressestelle der AMJ wenden, haben wir mit großer Verwunderung zur Kenntnis genommen. Bei Kolumnen, also Texten von Gastautoren, sind solche Anfragen ohnehin nicht üblich. Unsere Redaktion beschränkt sich bei Kolumnen bewusst darauf, die darin aufgeführten Fakten auf Korrektheit zu überprüfen. Dies war im Falle dieser Kolumne für uns zweifelsfrei erfüllt.

Aber auch bei hauseigener Berichterstattung über die Ideologie der Ahmadiyya-Gemeinde hätten wir auf eine Stellungnahme der AMJ-Pressestelle keinen Wert gelegt, da wir diese in diesem Zusammenhang weder als objektiv noch als neutral einschätzen. Bei unserer eigenen Berichterstattung über die Ideologie der Ahmadiyya-Gemeinde vertrauen wir eigenen Recherchen, denen von Kollegen anderer Häuser sowie insbesondere unabhängigen Experten. Änderungen sind in diesem Zusammenhang nicht beabsichtigt.

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