Mönchengladbach Panorama

Zum 9. November befürchteter Eklat blieb aus

Mönchengladbach. 80 Jahre nach den Novemberpogromen wartet die Jüdische Gemeinde noch immer auf eine angemessene Synagoge. Der vor diesem Hintergrund zur Gedenkfeier am Freitag erwartete Eklat blieb jedoch aus. Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners (CDU) nutzte das Gedenken an den 9. November 1938, um zum Widerstand gegen eine Partei aufzurufen, „in deren Programm das Ressentiment gegen dies und das der wichtigste Punkt ist“.

Leah Floh am Mahnmal an der Blücherstraße (Bild: NRW.direkt)

Am 9. November 1938 wurde in Mönchengladbach die Synagoge an der Blücherstraße im Rahmen der Novemberpogrome von den Nazis niedergebrannt, das Grundstück enteignet und der Stadt überlassen. Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung zur Verfolgung der Juden, die später in die Shoa mündete. Nach 1945 wurde das Grundstück an Privatleute verkauft, die Jüdische Gemeinde jedoch nicht am Verkaufserlös beteiligt. Drei andere Synagogen in Mönchengladbach erlitten das gleiche Schicksal.

Erst 1967 bekam die Jüdische Gemeinde eine Synagoge in der Albertusstraße, die aber für ihre heute rund 700 Mitglieder schon lange viel zu klein ist. Trotzdem verhallten die Wünsche der Gemeinde nach einer neuen Synagoge im Rathaus seit inzwischen mehr als zehn Jahren ungehört. Auch die 2014 erfolgte Wahl von Hans Wilhelm Reiners (CDU) zum neuen Oberbürgermeister führte bei der Stadt zu keiner Änderung ihrer Haltung. Das führte zu Spannungen zwischen der Stadt und der Gemeinde, bei denen sich beide Seiten seit 2016 nicht einmal mehr auf die Ausrichtung eines gemeinsamen Gedenkens zum 9. November verständigen konnten.

Auch in diesem Jahr wurden zwei eigene Gedenkveranstaltungen vorbereitet: Die der Stadt am Gedenkstein der niedergebrannten Synagoge in der Blücherstraße. Und die der Jüdischen Gemeinde eine Stunde später in der nur wenige Fußminuten entfernten „Ersatz-Synagoge“ in der Albertusstraße. Dabei war jedoch auffällig, dass beide Gedenkveranstaltungen erstmals in zeitlicher und räumlicher Nähe geplant wurden.

Erst Sorge vor Eklat, dann überraschende Annäherung

Als die Jüdische Gemeinde aber im Vorfeld des 9. November ankündigte, auf ihrer Veranstaltung „an den Raub des gesamten Privateigentums der Juden dieser Stadt, an den Raub des gesamten Gemeineigentums und an die nicht wieder aufgebauten Synagogen“ erinnern zu wollen, wurde dies so verstanden, dass die als kämpferisch bekannte Gemeindevorsitzende Leah Floh in diesem Jahr thematisieren will, warum ihre Gemeinde auch 80 Jahre später noch immer keine angemessene Synagoge hat. Damit kamen aber auch Befürchtungen auf, der 80. Jahrestag der Novemberpogrome könnte in Mönchengladbach mit einem Eklat enden.

Tatsächlich aber kam am Freitag alles anders als erwartet: Die Gemeindevorsitzende Leah Floh kam zwar mit einem gelben Stern auf ihrem Mantel. Aber in ihrer Rede vor rund 300 Menschen an der Blücherstraße sprach sie das Thema Synagoge ebenso wenig an wie in ihrer späteren Rede im Gemeindezentrum an der Albertusstraße.

„Vergangene Verbrechen beim historischen Gedenken des Volkes behalten“

„Wir halten es für absolut inakzeptabel, die nächsten Generationen in Deutschland für den Holocaust und insgesamt für die schrecklichen Taten des NS-Regimes verantwortlich zu machen. Das deutsche Volk kann nicht mit dem Gefühl ewiger Täterschaft für die Verbrechen der Ahnen unbegrenzt weiterleben“, sagte Leah Floh. „Jedoch sind wir fest davon überzeugt, dass jede nächste Generation in Deutschland die Verantwortung übernehmen muss, um die vergangenen Verbrechen und millionenfachen Leiden beim historischen Gedenken des Volkes zu behalten und nie mehr wieder in Deutschland zuzulassen.“

Während sie noch in den letzten Jahren von „antisemitischer Hetze“ der „rechten Ecke“, des „linken Randes“ und „seitens eingewanderter Menschen einer bestimmten Ideologie“ gesprochen hatte, beschränkte sie sich bei ihren Ausführungen zum heutigen Judenhass jedoch in diesem Jahr auf Verweise zu antisemitischen Parolen, die vor wenigen Wochen auf einer rechtsextremistischen Kundgebung in Dortmund gerufen wurden.

„Judenfreundlich? Israelfreundlich? Oft Fehlanzeige“

„Gibt’s auch Israel-Freunde in Deutschland?“, fragte Leah Floh in der ersten ihrer beiden Reden. „Ja! Aber leider zu wenig. Ganz viele haben plötzlich große Bedenken – aber ohne sich gründlich zu informieren.“ Das Vortragen von Argumenten und politischen sowie historischen Fakten sei „sinnlos“ geworden, sagte sie. Wer zu Israel stehe, habe es schwer. „Judenfreundlich? Israelfreundlich? Oft Fehlanzeige.“

Rabbiner Yitzhak Hoenig, der noch im letzten Jahr davon gesprochen hatte, dass Juden seit der Einwanderungswelle mehr Hass zu spüren bekommen und die Furcht vor der „Wiederholung der damaligen Ereignisse“ wachse, schlug in diesem Jahr eine deutlich unverfänglichere Richtung ein. „Wir müssen erinnern, wir müssen vor Antisemitismus warnen. Aber noch mehr müssen wir in die Zukunft sehen. Wir müssen verstärkt an der Erziehung arbeiten für mehr Verständnis zwischen den Religionen und gesellschaftlichen Gruppen“, sagte der Rabbiner.

In den kurzen Reden der Vertreter christlicher Kirchen im Gemeindezentrum wurde der heutige Judenhass zwar angesprochen, aber nicht tiefer spezifiziert: So sprach Pfarrer Hans-Ulrich Rosocha vom Antisemitismus, der „von rechts, von links oder aus der religiösen Ecke kommt“. Pfarrer Wolfgang Bußler sagte: „80 Jahre später wird der Antisemitismus stärker und lauter. 80 Jahre später brauchen wir eine Antisemitismus-Beauftragte.“

„Eine Partei, bei der das Ressentiment der wichtigste Punkt ist“

Hans Wilhelm Reiners begleitete Leah Floh zur Überraschung vieler nach der städtischen Veranstaltung erstmals seit Jahren in das Gemeindezentrum. Während er in seiner Rede an der Blücherstraße noch vollständig auf die Ereignisse und das Unrecht der Novemberpogrome fokussiert war, sprach er im Gemeindezentrum von der „Selbstvergewisserung“, die stets mit diesem Gedenktag verbunden sei. „Wir versichern uns, Vorkehrungen getroffen haben, dass so etwas nie wieder passiert“, sagte er. Eine Wiederholung der Ereignisse von 1938 sei heute „glücklicherweise weit entfernt“. Trotzdem offenbare der Blick auf die heutige Gesellschaft inzwischen „fratzenhafte Züge“. So seien „Hass und Brutalität inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen“.

Als er plötzlich von Wahlen sprach und dass „die Spezies des Wutbürgers zur politischen Macht“ geworden sei, wurde den Zuhörern klar, wen er damit konkret meint. Ohne die AfD beim Namen zu nennen, sprach er plötzlich von „einer Partei, in deren Programm das Ressentiment gegen dies und das der wichtigste Punkt ist“. Im Gegensatz zu den 1920er-Jahren könne dies jedoch nicht mehr mit den Verwüstungen des Ersten Weltkrieges entschuldigt werden. „Wir müssen denen, die unserer Gesellschaft die Gefolgschaft verweigern, Widerstand entgegenbringen. Das schulden wir den Opfern des Holocaust“, lautete seine Schlussfolgerung. Ähnlich wie bereits in früheren Reden zum 9. November nahm der CDU-Politiker dabei ausschließlich die Perspektive der Vergangenheitsbewältigung ein, mied aber Aussagen zu den konkreten Ängsten und Nöten heute in Deutschland lebender Juden.

Nur Pfarrer Rosocha verweist auf das Beispiel Neuss

Lediglich Hans-Ulrich Rosocha sprach an, dass die Gemeinde erst lange nach 1938 eine „alternative Synagoge“ bekommen habe. Dabei verwies er auf Neuss, wo die Jüdische Gemeinde demnächst mit Unterstützung der Stadt eine neue Synagoge bekommt. Das sei ein „ermutigendes Zeichen“, sagte der Pfarrer mit Blick auf den Bürgermeister. Die Frage, warum dies nicht auch in Mönchengladbach möglich ist, stellte aber auch er nicht.

Damit blieb der von vielen zum 9. November in Mönchengladbach erwartete Eklat aus. Womit aber auch deutlich wurde, dass die Wiederherstellung jüdischen Lebens 80 Jahre nach den Novemberpogromen am Niederrhein unterschiedlicher denn je verläuft: Während die Jüdische Gemeinde in Neuss schon bald mit Unterstützung der Stadt eine neue Synagoge bekommt, nimmt die in Mönchengladbach inzwischen klaglos hin, sich auch weiterhin mit einer „alternativen Synagoge“ begnügen zu müssen.

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