Kolumnen Politik

Zwischen Hammer und Amboss

Das jüdische Neujahrfest, das Ende dieser Woche weltweit begangen wird, umgibt kein Weihnachtszauber und kein romantisches Schneetreiben. Auch knallen keine Sektkorken oder Silvester-Böller. Rosch ha-Schana, das auch „Kopf des Jahres“ übersetzt wird, ist ein Fest der Einkehr, der Rückbesinnung und der Bilanz. Und wie fällt die in diesem Jahr aus, nur wenige Tage nach den Ereignissen von Chemnitz? Eine Kolumne von Michael Naor.

Michael Naor (Bild: NRW.direkt)

In höchstem Maße erschreckend und verstörend sind für uns Juden die Bilder, die uns aus Chemnitz erreichen. Ausschreitungen des braunen Mobs werden gezeigt, die „Ausländer raus“ skandieren und gar zum Hitler-Gruß ausholen. Bürgerliche Demonstranten werden als Unterstützer der Neo-Nazis gezeigt. Damit fühlen wir uns in eine andere Zeit katapultiert, die wir nach dem Ende der Nazi-Herrschaft überwunden glaubten. Die Polizei wirkt ohnmächtig und die Politiker hilflos. Ein Déjà-vu?

Wir schämen uns für Deutschland, wenn wir die Kommentare aus dem Ausland lesen und die besorgten Anrufe unserer Freunde entgegennehmen: „Was ist denn bei euch bloß los? Seid ihr noch sicher in Deutschland?“ Wie sollen wir darauf reagieren, wie sollen wir die aufkeimende Angst ersticken?

Aber auch andere Dinge treiben uns um

Was uns aber auch umtreibt, ist der importierte Antisemitismus und der Terrorismus, der mit den Flüchtlingen zu uns drängt. Auffallend häufig sind Flüchtlinge in Messerstechereien, Mord, Vergewaltigung und Terror-Anschläge verwickelt. Etwa die Messer-Angriffe in der letzten Woche auf zwei Touristen in Amsterdam, die keine Schlagzeilen mehr gemacht haben. Und immer wieder stellt sich bei solchen Ereignissen heraus, dass die längst fällige Abschiebung der Täter versäumt wurde, obwohl sie Straftaten begangen hatten oder als Gefährder galten. Wie viele Bürger in diesem Land fragen auch wir Juden uns, warum die Abschiebung in so vielen Fällen nicht funktioniert und warum geltendes Recht nicht umgesetzt wird. Der Rechtsstaat reagiert zu lasch und ist nicht wehrhaft – weder gegenüber rechten Parolen und Ausschreitungen noch gegenüber islamistischen Gefährdern und Terroristen.

Und auch das gehört zu den Ereignissen in Chemnitz, denn ausgelöst wurden diese durch den brutalen Messer-Mord an dem 35-jährigen Daniel H. Und auch hier stellte sich schnell heraus, dass einer der Tatverdächtigen, der als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, mehrfach vorbestraft war und in seinem Asylverfahren falsche Papiere vorgelegt haben soll – aber dennoch nicht abgeschoben wurde.

Chemnitz ist überall

Mit solchen Ereignissen sind wir Juden zwischen Hammer und Amboss. In beiden Richtungen fühlen wir uns als Zielscheibe und bedroht. Hinzu kommt, dass antisemitische Vorfälle längst bis in die Mitte der Gesellschaft vordringen – in eine Gesellschaft, in der wir uns bis vor kurzem noch sicher und zuhause gefühlt haben. Antisemitismus schleicht sich in unseren Alltag und in unsere Schulen. Unsere Kinder werden auf den Schulhöfen angegriffen, gemobbt und angepöbelt. „Jude“ gilt längst wieder als Schimpfwort. Lehrer knicken ein und ergreifen selten Partei für ihre jüdischen Schüler. Damit ist Chemnitz für uns überall.

Was wünschen wir uns zu Rosch ha-Schana für das neue Jahr? Neben den persönlichen Wünschen für Gesundheit und Glück wünschen wir uns ein friedliches Miteinander, ein weltoffenes Deutschland, einen wehrhaften Rechtsstaat und eine Zivilgesellschaft, die sich gegen Unrecht, Antisemitismus, Terrorismus und Messer-Attacken ebenso zur Wehr setzt wie gegen rechte Parolen und Ausländerfeindlichkeit. Das wäre dann ein wirklicher „Aufstand der Anständigen“. In diesem Sinne Schana Tova, ein gutes Jahr, für alle!

Die Kolumnen von NRW.direkt geben die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Dabei muss es sich nicht zwangsläufig um die Meinung unserer Redaktion handeln.

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Über den Autor

Michael Naor

Michael Naor ist in Tel Aviv, Israel, geboren und lebt seit 30 Jahren in Düsseldorf. Er ist Psychologe und Psychotherapeut und war viele Jahre in einer Fachklinik beschäftigt. Naor engagiert sich in verschiedenen Bereichen der Jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. So ist er Präsident der B’nai B’rith Franz-Rosenzweig-Loge in Düsseldorf und Mitglied im Exekutivkomitee von B’nai B’rith Europe (BBE). Außerdem war er Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Vize-Präsident der Zionistischen Organisation Deutschland (ZOD) sowie zehn Jahre lang Chefredakteur von ILI-News, dem Newsletter von „ILI - I Like Israel".